Eine Trauerfeier für ein Kind zu planen, ist kaum vorstellbar. Ganz besonders, wenn es das eigene ist. Obwohl wir wussten, dass Melina sterben würde, hatten wir vor diesem Abschied grossen Respekt. Am Ende entstand eine Feier voller Musik, Blumen, Löwen und kleiner Zeichen, die für uns bis heute eine besondere Bedeutung haben.
Schaffen wir das?
Wir wussten, dass Melina sterben würde.
Wir hatten uns über Jahre immer wieder mit ihrem Tod auseinandergesetzt. Wir wussten, dass ihre Lebenszeit begrenzt war. Und trotzdem gab es einen Moment, vor dem wir besonders grosse Angst hatten:
Die Trauerfeier unserer eigenen Tochter.
Wie sollten wir das schaffen?
Unsere Bestatterin nahm uns etwas Druck. Eine Trauerfeier müsse nicht sofort stattfinden, sagte sie. Wir könnten uns Zeit lassen. Vielleicht erst in einem halben Jahr ein Gedenkkonzert veranstalten?
Für einen kurzen Moment fühlte sich dieser Gedanke entlastend an.
Doch schon bald merkten wir: Das war für uns keine Option.
Nicht für Melina. Nicht für uns. Und auch nicht für die vielen Menschen, die Melina über all die Jahre begleitet, gepflegt, betreut, unterrichtet, besucht und liebgewonnen hatten.
Sie alle hatten ein Stück von Melinas Weg mitgetragen.
Wir wollten gemeinsam Abschied nehmen.
Zweieinhalb Wochen nach Melinas Tod fand ihre Trauerfeier statt.

Eine Trauerfeier für ein Kind persönlich gestalten
Plötzlich ging alles ganz schnell
Die Tage nach Melinas Tod waren besonders. Wir hatten entschieden, Melina bis zur Bestattung bei uns zu Hause zu behalten. Über diese Zeit schreibe ich ausführlicher in unserem Beitrag „Zu Hause nach dem Tod“.
In diesen Tagen besuchte uns auch unsere befreundete Floristin Claudia von Blumen Graf.
Melina war noch da.
Claudia schaute sich in ihrem Zimmer um – und natürlich fielen ihr sofort die vielen Löwen auf.
Löwen waren überall.
„Habt ihr zwölf davon?“
Klar hatten wir zwölf.
Damit war eine der Ideen für die Trauerfeier geboren.
Auch einen ganz besonderen Löwen entdeckte Claudia sofort: einen Ballon.
Sarah, die eine ganz besondere Beziehung zu Melina hatte, hatte ihn nach ihrem Tod zu uns gebracht. Seit vielen Jahren schenkte sie Melina zu jedem Geburtstag einen solchen Löwenballon. Auch der Ballon für ihren 12. Geburtstag war längst besorgt gewesen.
Nun bekam Melina ihn nicht zum Geburtstag.
Sondern zum Abschied.

Gelb. Natürlich Gelb.
„Was war ihre Lieblingsfarbe?“
Gelb.
Also wurde Gelb zu einer der Farben ihres Abschieds.
Claudia dachte laut über Blumen, Vasen und Gläser mit Kerzen nach.
Und plötzlich fiel uns etwas ein: Davon hatten wir jede Menge im Keller.
Sie stammten von unserem Hochzeitsfest, das wir Jahre zuvor bei uns im Garten gefeiert hatten.
Nun standen dieselben Gläser bei der Trauerfeier unserer Tochter.
Und die kleine Geige, die Melina so geliebt und als kleines Mädchen selber gespielt hatte, packte Claudia auch gleich ein.
So viele Geschichten unseres Lebens kamen an diesem Tag zusammen.

Zwölf Löwen für zwölf Lebensjahre
Wir hatten eine grosse Kirche zur Verfügung und damit viel Platz.
So entstand die Idee einer Lebensspirale.
Für jedes Lebensjahr von Melina stand ein Löwe.
Zwölf Löwen.
Ihr Lieblingstier – und für uns längst auch ein Symbol für sie.
Denn Melina war eine Kämpferin.












Wie erzählt man das Leben eines Kindes?
Ein klassischer Lebenslauf, der während der Trauerfeier vorgelesen wird, fühlte sich für uns nicht richtig an.
Wie erzählt man überhaupt das Leben eines zwölfjährigen Kindes?
Und wie erzählt man Melinas Leben?
Melina entwickelte sich als kleines Kind zunächst scheinbar gesund. Sie spielte, lachte, sprach und ging.
Dann kam die metachromatische Leukodystrophie – MLD.
Innerhalb sehr kurzer Zeit nahm ihr diese schwere Krankheit praktisch alles wieder, was sie gelernt hatte. Ab ungefähr vier Jahren war Melina vollständig pflegebedürftig.
Die meisten Menschen, die an ihrer Trauerfeier teilnehmen würden, hatten sie nur so gekannt.
Viele wussten gar nicht, wie Melina früher gewesen war.
Und es würden viele Kinder in der Kirche sitzen.
Wie erklärt man Kindern, warum ein Kind sterben muss?
Wie erklärt man ihnen, dass der Tod manchmal nicht einfach nur das Allerschlimmste ist?
Dass ein Mensch so schwer krank sein kann, dass wir ihm irgendwann auch wünschen dürfen, dass sein Kampf zu Ende geht?
Wir suchten mehrere Abende lang Fotos und Videos zusammen.
Melina als Baby.
Melina beim Spielen.
Melina beim Lachen.
Melina beim Sprechen.
Melina beim Gehen.
Melina mit ihrer Geige.
Und später Melina, wie die meisten Menschen sie kannten.
Daraus entstand ein Lebenslauf in Bildern.
Während der Trauerfeier wurde die Präsentation immer wieder unterbrochen. Unser Pfarrer las dazwischen unsere Texte und erzählte Melinas Geschichte – auch die Geschichte ihrer schweren Krankheit.
So konnten die Menschen nicht nur sehen, wer Melina am Ende ihres Lebens gewesen war.
Sie konnten sehen, wer sie immer gewesen war.



Ohne Musik wäre es nicht Melinas Abschied gewesen
Melina liebte Musik.
Bis ganz zum Schluss gab es kaum etwas, worauf sie so intensiv reagierte wie auf Musik.
Früher hatte sie sogar selbst Geige gespielt. Dieses Instrument liebte sie bis zum Ende ihres Lebens ganz besonders.
Deshalb war für uns schnell klar:
An Melinas Trauerfeier musste viel Musik erklingen.
Wir waren unglaublich berührt und dankbar, dass sich spontan befreundete Musikerinnen und Musiker meldeten, die bereit waren, diese schwere Aufgabe zu übernehmen.
Jonas’ Trompetenlehrer Rafael spielte.
Mein ehemaliger Musikschulleiter Rainer spielte Klavier und Orgel und brachte seine Tochter mit, die gemeinsam mit Julianas ehemaliger Chorleiterin sang.
Johanna, Violin- und Klavierlehrerin an unserer Musikschule und heute Lehrerin von beiden Geschwistern Melinas, spielte ebenfalls.
Wir überliessen den Berufsmusikerinnen und Berufsmusikern die Auswahl der Werke fast vollständig.
Nur zwei Wünsche hatten wir.
Eine Violine sollte erklingen.
Und wir wünschten uns „Der Mond ist aufgegangen“.
Dieses Lied hatte Melinas Grossvater ihr immer wieder vorgesungen.
Ganz kurz vor ihrem Tod hatte er es nochmals für sie gesungen.
Darauf hatte Melina ein letztes Mal ganz offensichtlich reagiert.
Und dann begann Rafael zu spielen
Wir waren an diesem Tag ohnehin überwältigt.
Doch gleich zu Beginn der Trauerfeier geschah etwas, womit wir nicht gerechnet hatten.
Rafael spielte nicht einfach „Der Mond ist aufgegangen“.
Er spielte eine ganze Komposition über dieses Lied.
Er hatte sich unglaublich ins Zeug gelegt und dieses anspruchsvolle Werk eigens für Melinas Abschied einstudiert.
Matthias Höfs: Der Mond ist aufgegangen für Trompete und Orgel
Pärt: Spiegel im Spiegel für Violine und Klavier
Wunderschöne Lieder für Gesang und Klavier.
Die Musik war wunderschön.
Die Blumen waren wunderschön.
Die ganze Kirche war wunderschön.
Und mitten in all dieser Schönheit war dieser eine Gedanke:
Nur etwas daran war vollkommen falsch.
Es war die Trauerfeier unserer eigenen Tochter.



Der Löwe unter dem Kirchendach
Am Morgen vor der Trauerfeier gingen wir bereits gemeinsam mit den Kindern in die Kirche.
Wir wollten Juliana und Jonas die Dekoration in Ruhe zeigen, bevor später so viele Menschen da sein würden. Wir brachten Melinas Urne und die Ballone mit.
Und dann passierte etwas.
Simon wollte den Löwenballon festbinden.
Er war sich sicher, dass er ihn festgehalten hatte.
Und trotzdem entwich der Ballon seiner Hand.
Er stieg nach oben.
Höher und höher.
Bis unter das hohe Kirchendach.
Dort blieb er.
Genau über der wunderschönen Blumendekoration für Melina.
Vielleicht wollte sie noch ein bisschen dableiben und zuschauen?
Ich musste schlucken.
Denn etwas hatte ich Simon nicht erzählt:
In der Nacht zuvor hatte ich genau davon geträumt.
Zum Glück waren wir – wie so oft in den letzten Jahren – auf den Notfall vorbereitet.
Wir hatten einen zweiten Löwenballon dabei.


Der Löwe durfte fliegen
Am Ende der Trauerfeier verliessen wir gemeinsam mit Juliana und Jonas die Kirche.
Sarah begleitete uns.
Sie durfte den zweiten Löwenballon tragen – jenen Löwen, der für Melinas zwölftes Lebensjahr stand und eigentlich ihr Geburtstagsballon geworden wäre.
Für Juliana und Jonas hatten wir je einen goldenen Sternenballon.
Draussen liessen wir die Ballone steigen.
Der Löwe zog davon Richtung Himmel.
Die beiden goldenen Sterne blieben in einem Baum hängen.
Zufall?
Natürlich.
Und trotzdem fühlte sich das Bild für uns beinahe symbolisch an.
Die Sterne blieben hier.
Der Löwe ging.
So wie Juliana und Jonas noch bei uns sind.
Und Melina gegangen ist.

Danach waren wir nicht allein
Nach der Trauerfeier gab es einen Apéro.
Das Leitungsteam unserer Musikschule hatte ihn gemeinsam mit weiteren lieben Menschen aus unserem Umfeld organisiert.
Zopf und verschiedene Suppen – genau richtig für diesen kalten Wintertag.
Diese Menschen hatten uns bereits seit Melinas Tod unglaublich getragen.
Sie nahmen uns Dinge ab, für die wir selbst keine Kraft hatten. Sie schickten kleine Zeichen. Sie fragten nach. Sie waren einfach da.
Dieses Gefühl hat uns nicht nur in den Tagen rund um die Trauerfeier getragen.
Es hatte uns schon die ganzen Jahre davor getragen:
Wir waren nicht allein.






Die Blumen kamen wieder nach Hause
Nach der Trauerfeier brachte Claudia einen Teil der Blumendekoration zu uns nach Hause.
Zurück in Melinas Zimmer.
Einige Stücke davon stehen dort noch heute – acht Monate nach ihrem Tod.
Auch der erste Löwenballon blieb.
Nicht bei uns zu Hause.
Sondern oben in der Kirche.




Sieben Monate unter dem Löwen
Dieser davongeflogene Ballon bekam für uns eine Bedeutung, die niemand hätte planen können.
Sieben Monate lang hing er dort oben.
Und wir besuchten ihn immer wieder.
Besonders berührend war es mit Jonas.
Seit Melinas Tod spielt er plötzlich sehr intensiv Klavier.
Manchmal setzte er sich in der Kirche an den Flügel.
Über ihm schwebte der Löwe seiner Schwester.
Und Jonas spielte:
„Der Mond ist aufgegangen.“
Das Lied, auf das Melina kurz vor ihrem Tod noch einmal reagiert hatte.
Das Lied, mit dem ihre Trauerfeier begonnen hatte.
Und nun spielte es ihr kleiner Bruder unter ihrem Löwen.
Dann war der Ballon eines Tages weg.
Wir wussten natürlich, dass dieser Moment irgendwann kommen würde.
Und trotzdem machte es etwas mit uns.
Denn plötzlich war da nicht mehr dieser Löwe unter dem Kirchendach.
Melina war wieder ein kleines Stück mehr weg.
Vielleicht klingt es seltsam, dass ein Ballon so wichtig werden kann.
Aber Trauer hängt manchmal an Dingen, deren Bedeutung vorher niemand hätte erahnen können.
An einem Lied.
An Blumen.
An zwölf Löwen.
An einem Ballon unter einem Kirchendach.
Mittlerweile ist dieser Ballon wieder bei uns zu Hause.
Eine Bekannte hat ihn für uns zur Seite gelegt.
Wir hatten solche Angst vor dieser Trauerfeier.
Schaffen wir das?
Ja.
Wir haben es geschafft.
Nicht, weil es plötzlich leicht gewesen wäre.
Sondern weil so viele Menschen ein Stück davon mitgetragen haben.
Und weil diese Trauerfeier am Ende genau das widerspiegelte, was Melina ihr ganzes Leben begleitet hatte:
Musik. Menschen. Liebe. Und ein Löwe, der kämpfte – und irgendwann losfliegen durfte.

















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